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Zweisamkeit

1. November 2011

Draussen vor dem Fenster erstrahlen die Blätter in einem goldenen Herbstton. Dennoch ist der Herbst selber nicht goldig. Der Himmel, der sich weit oben über der Stadt ausdehnt, ist grau. Fast weiß. Farblos. Der Herbst ist unvollkommen. Das fehlende Himmelblau ist trist und erlaubt keine flauschigen Zuckerwattewolken. Der Herbst ist kein Sommer. Allein die Kinder nehmen davon keine Notiz. Bis zum fünften Stock hinauf tönen ihre hellen Stimmen wider. Durch die dicken Fensterscheiben klingen sie etwas dumpf, als seien sie viel weiter entfernt, als seien sie nur eine Erinnerung an die eigene Kindheit, die nicht zurückzuholen ist.

Eine Krähe kräht krah!

Das Leben stellt sich ein. Dem Lauf der Natur folgend. Die Vögel müssen schon längst ihre lange Reise in den Süden angetreten sein. Ihre zarten Lieder sind schon lang nicht mehr zu hören. Weder tags noch nachts. Die Wolken zieren keinen blauen Himmel mehr, sondern ersetzen das Himmelszelt mit einem farblosen Schleier. Tag und Nacht gleichen einander. Manchmal fallen tausende von Tropfen Regen herab und machen die Erde nass. Die Sonne scheint nicht mehr.

Das Leben passt sich an. Es kann den Vögeln nicht nachfliegen, gefangen in einem Körper, den man Mensch nennt. Die Tage werden kürzer, die Nächte länger, der Tag wird kürzer, so auch der Schlaf; im Versuch etwas Verlorenes nachzuholen. Man weiß nicht was. Die Nächte werden länger, so auch die Bekleidung, die Mäntel, die Schals, die Röcke und Hosen; um so die restliche Wärme des längst vergangenen Sommers festzuhalten. Man zieht sich in Häuser zurück, in Bauten, die durch künstliche Wärme den Verlust der Sonnenstrahlen mindern. Heißer Tee und warme Suppen erwärmen den Körper von innen heraus. Und das Herz lässt sich ein kleines Lächeln erzwingen.

Abends, wenn die Nacht die sonst belebte Stadt überlagert, bietet ein gewöhnliches Bett die beste Zuflucht. Wohl dem, der zu dieser Jahreszeit einen anderen Menschen zur Seite hat. Die Einsamkeit quält auf Dauer die erhabenste Seele. Zweisamkeit ist ein eher seltenes Wort. Doch einmal entdeckt, können es tausend Worte nicht ersetzen. Zweisamkeit ist Gemeinschaft, Sicherheit, Mut, Hoffnung, Gefühl, Vetrautheit und vieles mehr. Es ist der süße Geschmack eines Liebessommers, es ist die warme Erinnerung an die Kindheit und das zarte Erschauern der Zukunft. Wer weiß schon, was sie bringt! Und dennoch ist sienicht Unsicherheit auf schwankenden Beinen, denn was zählt ist der Moment. Der Moment ist voller Zuversicht. Der Moment – vielleicht das leise Ticken des Sekundenzählers einer Armbanduhr, kaum einen Zentimeter breit und dennoch wertvoll. Er trägt die Minuten und Stunden der Zeit, deren Geheimnis dem Menschen noch immer ein Geheimnis bleibt. Und im weiteren ist dieser Moment mit dem nächsten Sekundenschlag schon wieder weg. Und mit dem nächsten schon auf dem dritten Platz, die ehemalige Nummer eins.

Wie wichtig ist ein Moment? Er trägt in sich das Gewicht der ganzen Zeit, ist Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zugleich. Er trägt in sich das jetzige Geschehen, die Erinnerung an gute und schlechte Zeiten und die Entscheidung über noch Kommendes. Ein Moment und das Leben steht Kopf.

Doch nun sind die Blätter immer noch golden, die Häuser bieten fortwährend Schutz und die Seele kann warten. Aufatmen. Denn Zweisamkeit ermöglicht es, zufrieden zu sein. Es gibt die Möglichkeit abzuschalten, zu träumen. Von einer zeitlosen Zeit, von Ewigkeit zu zweit begleitet von einer rauschenden Jazzmusik in stillen Abendstunden. Zu zweit – nichts anderes will diese Zweisamkeit uns sagen und verbirgt doch mehr Geheimnisse als das. Geheimnisse muss man bewahren!

Jeder hat ein Geheimnis. Die meisten haben Angst, es zu lüften, andere wollen es loswerden, weil es zu schwer zu tragen ist, manche schätzen es sehr und schließen es ins Herz hinein und andere verschwenden es und streuen es in die Welt. Hat man aber jemanden gefunden, dem man sein Geheimnis anvertrauen kann und weiß dieser es zu schätzen und zu bewahren, dann steht der Zweisamkeit nichts mehr im Wege. Der Weg der Zweisamkeit ist leichter zu gehen und dahinter liegt eine für die meisten ungeahnte Kraft, die alles ermöglicht. Sie stellt das Leben auf den Kopf. So wie es die Zeit vermag und kann es ein zweites Mal verdrehen, so dass es wieder normal erscheint. Sie besteigt hohe Berggipfel und kann die Berge versetzen. Sie lässt die Zeit unbemerkt vorbeistreichen, wie ein Dieb in der Nacht, sie lässt das Herz unregelmäßig schlagen, bis es sich an die Regelmäßigkeiten eines zweiten Herzens anpasst und sie werden eines. Ein Herz, ein Blut, ein Körper, ein Denken, eine Stimme, ein Wille, ein Mut. Und doch sind es zwei in Zweisamkeit. Und bilden zusammen eines. Das kann nur eine solche Kraft.

Doch Kraft kann auch zerstören. Kraft, die falsch eingesetzt wird, Kraft, die gegen Kraft einwirkt, zerstört sich selber. Folgt sie aber ihrer Natur, lernt sie im Gleichgewicht zu existieren, zu agieren. Lernt es Demut und Stolz, Armut und Reichtum, Glück und Trauer, Wärme und Kälte, Klein und Groß zu unterscheiden, so wie sie in der Natur vorkommen, so wird sie sich situationsgemäß anpassen und mal das eine, mal das andere hinnehmen, um nicht aus dem Gleichgewicht zu fallen. Gleichgewicht bedeutet Harmonie, ein Ying und Yang der Natur, ein Zusammenleben von zwei Gegensätzen, die sich gegenseitig zerstören oder gegenseitig am Leben erhalten können. Zweisamkeit hat die nötige Kraft und einen gegebenen Willen, einen frei schwebenden Wunsch nach Selbsterhaltung und Schutz, um für beide ein Leben zu ermöglichen, wider jeder Vernunft. Zweisamkeit bringt Glück und ist jedem zu empfehlen. Vor allem, wenn die Blätter draußen golden leuchten. Ein Haus, ein warmes Bett, ein Tee, verschlafene Jazzmusik erfreuen das Herz doppelt, wenn man es zweisam genießt. Wer dies Glück noch nicht hat, der suche es alsbald.

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